Free Climbing im Pegnitztal

Sarah Burmester

Das Klettern hat im Pegnitztal und darüber hinaus im gesamten Frankenjura eine lange Tradition – und wächst weiter.

Als ich zum ersten Mal die fränkischen Felsen besucht habe – das war ungefähr 1999 – begegneten mir auf dem Campingplatz einige Japaner: nicht die typischen Touristen mit Kamera, sondern sehnige Gestalten mit langen Haaren, die in einer ungewöhnlichen Dehnposition auf dem Bauch lagen, ein Buch vor der Nase. Eine kurze Nachfrage machte klar: Die japanischen Kletterer waren extra für den fränkischen Lochkalk angereist. Schon damals war das Klettergebiet Frankenjura also international berühmt. So weit, so verrückt.

Das Klettern als Tätigkeit entbehrt auch nicht einer gewissen Verrücktheit: Immerhin geht es dabei darum, auf einen Felsen zu kraxeln und heil wieder hinunter zu kommen. Es gibt also keinen Zweck dabei, es birgt trotz moderner Ausrüstung Risiken und meistens gibt es sogar einen leichteren Weg auf den Fels hinauf. Doch die Mischung aus akrobatischer Körperkontrolle, mentaler Überwindung und Konzentration auf das Tun bringt so viel Vergnügen und Erfüllung, dass das Klettern immer bekannter und beliebter wird. Sportklettern – so heißt das Klettern an Mittelgebirgsfelsen mit Bohrhaken zur Absicherung korrekt, und so heißt mittlerweile auch die olympische Disziplin, die allerdings neben dem Schwierigkeitsklettern auch noch Bouldern (Klettern in Absprunghöhe mit Matten am Boden als Fallschutz) und Speed (Klettern auf Schnelligkeit) umfasst.

Entstanden ist das heute übliche Sportklettern aus dem klassischen Bergsteigen. Allerdings wurde es erst einmal Free Climbing (also freiklettern) genannt: „Frei“ meinte hier allerdings nicht ohne Sicherung, sondern frei von technischen Hilfsmitteln zur Fortbewegung.

Ursprünglich ging es ja beim Erklimmen von Bergen und Wänden um den Gipfel – fast egal, wie. Es wurde also auch an Haken gezogen oder sich an Fixseilen den Berg hinaufgearbeitet. Beim Freiklettern hingegen geht es darum, sich nur mit Hilfe von Felstrukturen fortzubewegen und Haken und Seil allein zur Absturzsicherung zu verwenden. Der Nürnberger Kurt Albert (1954 - 2010) prägte darüber hinaus noch die Regel, dass man eine Route von unten bis oben am Stück und im Vorstieg durchklettert, also ohne Ausruhen im Seil – so, wie es heute auch im Olympischen „Leadklettern“ Standard ist. So hat in den 70er und 80er Jahren ein Franke am Fränkischen Fels ein Stück Kletter-Ethik geprägt, die heute als weltweit verbindlicher Standard angesehen wird. Ähnlich relevant ist ein Felsmassiv im Krottenseer Forst für die Entwicklung des Klettersports: Eine kaum 14 Meter lange Linie namens „Action Directe“ am Waldkopf, 1991 erstmals von dem damals überragenden Kletterer Wolfgang Güllich (1960 - 1992) begangen, hielt über viele Jahre den Ruf der „schwersten Route der Welt“. Bewertet im Schwierigkeitsgrad 11, galt sie über Jahrzehnte als Herausforderung der Extraklasse und zieht noch heute Spitzenkletterer aus aller Welt an. Inzwischen gibt es derweil noch schwerere Routen, sogar hier im Frankenjura.

Im gesamten nördlichen Frankenjura zwischen Nürnberg, Bamberg und Bayreuth gibt es mittlerweile über 13500 Kletterrouten verteilt auf tausende Massive und Felswände. Das Pegnitztal beheimatet einige herausragende davon, zum Beispiel den Roten Fels (siehe Bild), der allein dank seiner Größe und Höhe von 40 Metern allein etwas Besonderes ist und ein attraktives Kletterziel darstellt.

Free Climbing am roten Fels im Pegnitztal (Foto: Christian Seitz).

Doch es sind nicht diese Superlative, die dafür sorgen, dass viele Gäste aus Deutschland und der Welt in die Fränkische pilgern, um hier zu klettern und Urlaub zu machen. Es ist diese perfekte Mischung aus Abenteuer und Gemütlichkeit, wundervoller Natur und heimeliger Wirtshauskultur, Einfachheit und entspannten Menschen, die einen Aufenthalt im Fränkischen so wunderbar machen. 

Nachdem sich nördlich von Hohenstadt im Pegnitztal kein Campingplatz mehr befindet, bietet Velden mit seinem Wohnmobilstellplatz vielen Kletternden einen Anlaufpunkt. Auch das Omelett in der Traube erfreut sich einer gewissen Berühmtheit, wurde ich beim Klettern im Tiroler Zillertal eines Tages belehrt.

Und ich muss zugeben, seit jenem Sommer im Jahr 1999 bin ich kletternd viel in der Welt herumgekommen: Habe in Österreich und der Schweiz, in den USA, Italien Frankreich, Spanien, Tschechien und Marokko geklettert. Habe britische Felsen und das Elbsandsteingebirge im deutschen Osten lieben gelernt. Und wohne jetzt seit einigen Jahren glücklich im Pegnitztal, wo ich traumhafte Felsen in fußläufiger Nähe habe. Auf die Idee, nach Japan zu fahren zum Klettern, bin ich allerdings noch nicht gekommen.