Gehen, Kommen und Zurückkehren
Umzüge und Neuzugänge in Velden
Wer in einem kleinen Ort lebt, weiß: da ist ständig etwas in Bewegung - auch wenn es auf den ersten Blick manchmal nicht so wirkt, sondern eher ruhig erscheint. Ein bisschen geht es zu wie in großen Familien: Irgendjemand zieht immer weg, ein anderer kommt neu dazu - und manchmal steht plötzlich jemand wieder vor der Tür, von dem alle dachten, er hätte der Heimat längst für immer den Rücken gekehrt. Während die einen das Ortsschild im Rückspiegel kleiner werden sehen und ihr Glück in der Ferne suchen, entdecken andere genau hier das, worauf sie anderswo vergeblich gehofft hatten: Ruhe, Gemeinschaft oder einfach ein Zuhause. Hinzu kommen die Rückkehrer. Sie kennen jede Abkürzung, jeden Spitznamen und jede Geschichte - und stellen doch fest, dass „zu Hause“ in ihrer Abwesenheit nicht gleichgeblieben ist, sondern sich verändert hat. Oder vielleicht sind sie es selbst, bei denen sich was getan hat? Fest steht: Eine Kleinstadt oder ein Dorf bleibt nur lebendig, weil Menschen kommen, gehen und manchmal Kreise drehen. Genau diese Geschichten machen das Leben zwischen Kirchturm und Landstraße so spannend.
Die Hintergründe sind vielfältig. Typischerweise verabschieden sich junge Menschen in Richtung Studium oder Beruf in die „weite Welt“, ziehen eben dahin, wo sie eine gute Ausbildung oder eine tolle Stelle erhalten können, Familien wagen anderswo einen Neuanfang, während gleichzeitig neue Gesichter im Ort auftauchen, weil sie der Beruf hierher verschlagen hat. Und nicht selten kehren diejenigen zurück, die einst ausgezogen sind, um ihr Leben zu gestalten - mit neuen Erfahrungen im Gepäck und einem anderen Blick auf das Altvertraute. Wer durch Velden spaziert, begegnet bekannten Gesichtern - und immer öfter auch neuen. Hinter manchen Haustüren wohnen Familien, die erst seit Kurzem hier sind. Andere Häuser stehen für Abschiede, weil jemand anderswo ein neues Kapitel aufschlägt. Und dann ist ein alter Freund aus Kindertagen wieder da, zurück in den Straßen von einst. Eine Ortschaft verändert sich nicht von heute auf morgen. Sie wächst, schrumpft, erneuert sich - leise und oft fast unbemerkt.

Zu- und Wegzüge in Velden von 2015 bis 2025 (Grafik: Günter Krauß)
Jede Zu- oder Wegzugsmeldung im Veldener Rathaus steht für eine persönliche Entscheidung, für Hoffnungen, Pläne und manchmal auch für Sehnsucht. Die nackten Zahlen und Fakten sehen so aus: 2025 gab es 129 Zuzüge und 117 Wegzüge, vor fünf Jahren kamen zum Vergleich 108 Neubürger und 103 verließen Velden, vor 10 Jahren waren es 24 neue Nachbarn und 20 Abschiede. Hinter jeder Entscheidung steckt eine eigene Geschichte. Zusammengenommen erzählen sie viel darüber, wie sich eine Gemeinde verändert und dabei doch ihren Charakter bewahrt. Denn der Herkunft wird man sich manchmal erst bewusst, wenn sie fehlt, wenn man mal woanders gewohnt hat. Warum verlassen Menschen Velden? Was bewegt andere, gerade hier ein neues Zuhause zu finden? Was zieht Neubürger ausgerechnet in das Pegnitztal? Und weshalb führt das Leben andere irgendwann wieder zurück?
Das haben wir im Gespräch mit einigen Menschen erörtert.
Julia Kießling kam vor rund zehn Jahren mit ihrem Partner nach Velden. „Unsere Hauptgründe damals waren die preislich attraktiven Baugrundstücke, die hier noch bezahlbar waren, und die praktische Verkehrsanbindung. Die Strecke nach Nürnberg ist gut mit dem Zug fahrbar“, resümiert sie. Anfangs pendelten sie beide noch täglich ins Büro in der fränkischen Metropole, inzwischen ist oft Homeoffice angesagt. Nach dem „Nestbau“ folgte die Familienphase, die Kinder wurden geboren. „Gerade für die Kleinen ist es am Land angenehm, sie haben Freiraum, Natur und kennen die Menschen“, freut sich Julia Kießling. Während es am Anfang für die gebürtige Hersbruckerin und ihren Mann, der aus Cadolzburg stammt, nicht immer einfach war und eine gewisse Zeit dauerte, anzukommen, ging alles ganz schnell, sobald sie Nachwuchs hatten, denn die Kinder sind jetzt schließlich „echte Veldener“. Kindergarten, Schule und Elterngruppen schaffen Kontakte, und zwar dauerhaft. „Interessant fand ich am Anfang, dass die Leute oft schon wussten, wer ich bin, bevor ich sie kannte, dass Neuzugänge wirklich auffallen und dass der Zusammenhalt hier eng ist“, erinnert sie sich. „Das war für mich, die davor in Nürnberg wohnte, unerwartet“.
Inzwischen ist sie voll angekommen und Teil dieser Zusammengehörigkeit. Auch Julia Kießlings Engagement bei der Bürgerzeitung war hilfreich. „Ja, ein Ehrenamt ist gut, um Fuß zu fassen“, empfiehlt sie. So fühlt sich die ganze Familie jetzt sehr wohl.
Nicht nur für die Kießlings war die dichte Bahnverbindung ein Argument für Velden. Auch eine andere Familie, die vor 20 Jahren zuzog, bestätigt diesen Vorteil. Man überlegte sich einen Radius rund um Nürnberg und macht sich auf die Suche. Fündig wurde man mit einem hübschen Haus und kaufte es. Zudem konnte Velden auch mit seinem hohen Freizeitwert punkten, denn einige der Befragten sind begeisterte Kletterer und Radler. Die Internet-Verbindung sei top, loben sie, die moderne Technik gepaart mit Landschaft und Wald plus Wandern sei wirklich lebenswert. Wer ohnehin nicht der „Großstadtmensch“ sei, blühe hier auf. Der Tipp: Ohne Kinder ist die Integration vielleicht etwas schwieriger als mit Nachwuchs. Wer nicht der Vereins-Typ ist, sollte sich etwas anderes einfallen lassen, um Leute kennenzulernen, mit anderen Zugezogenen kann das zunächst einfacher sein. Auch hier wird auf die Chancen verwiesen, die ein Ehrenamt bietet. Insgesamt sind die Gesprächspartner inzwischen voll heimisch geworden. Ihre Beobachtung: Wenn in Velden mal gefeiert wird, dann aber lang.
Dass man hier an der Pegnitz Wurzeln schlagen kann, und zwar sehr kräftige, das beweist Alexander Heiß. Er steht für jene, die auszogen, um mit Welterfahrung zurückzukehren. Der gebürtige Veldener wagte sich immer weiter hinaus: zuerst zum Studium nach Nürnberg, wo er auch seine Frau Lisa kennenlernte. Dann war er drei Jahre lang für eine Firma als Geschäftsführer in Indonesien tätig, das Paar lebte in der Hauptstadt Jakarta. Als nächstes verschlug es sie wieder nach Deutschland: Lisas Job führte sie nach Cuxhaven in den hohen Norden an die Küste, Alexander dagegen arbeitete in Herzberg am Harz in der Nähe von Göttingen. Sie sahen sich nur an den Wochenenden, pendelten hin und her. „Da wird man natürlich nicht richtig sesshaft, kann kaum einen Freundeskreis aufbauen, denn entweder man arbeitet oder man ist mit der Beziehung beschäftigt. Auf Dauer war das nicht das Richtige“, so Alexander Heiß. Da alle beide heimatverbunden sind, Lisa stammt aus Auerbach in der Oberpfalz, entschieden sie sich, nach Bayern zurückzukehren. Die beruflichen Aufgaben führten das Paar zunächst nach Amberg. Es folgte als erster Schritt die Idee, sich ein Ferienhaus in Velden zuzulegen. Doch dann fanden sie ihr jetziges Heim, das ihnen sofort gefiel, und griffen zu. „Das ist jetzt unsere Homebase, das Fundament, das uns gut tut. Denn wir sind beide beruflich viel unterwegs und reisen oft herum. Lisa kommt gerade aus Brasilien zurück. Da braucht man so einen sicheren Hafen“, beschreibt Alexander Heiß. Der Kontakt nach Velden sei jedoch nie abgerissen, betont er. Allein schon, weil er seine besten Freunde noch aus Schulzeiten kennt und diese hier leben. So etwas sei letztlich unersetzlich. Daher legte er seinen Urlaub damals gerne in die Kirchweih-Zeit, um mitfeiern zu können. Hinzu kommen auch seine Hobbys, das Fliegenfischen und die Jagd, die ihn eng mit seinem Geburtsort verbinden und die er hier wunderbar ausüben kann. Wie schätzt er, der Velden so gut kennt, die Verhältnisse ein? „Ich denke, es ist ein guter Ort, um anzukommen. Die Leute sind meiner Erfahrung nach für die kleine Einwohnerzahl und die überschaubare Größe liberal, gesellig und offen“. Die Gemeinschaft sei stabil, das schaffe ein positives Miteinander. „Das Schöne ist, hier zählt mehr der Mensch, die Karriere ist nicht so wichtig, es gibt keine Schranken, jeder redet locker mit jedem“, erzählt Alexander Heiß. Und wie hat sich alles in den 15 Jahren seiner Abwesenheit verändert? „Velden ist sich treu geblieben, aber es scheint mir etwas ruhiger geworden zu sein. Einige Gasthäuser haben geschlossen, Feste, die es früher gab und die ich mit organisiert hatte, existieren nicht mehr, es laufen weniger Veranstaltungen. Aber das kann sich ja auch wieder ändern“, meint er.
Am Ende ist die Frage vielleicht gar nicht, ob Stadt oder Land die bessere Wahl ist. Sondern, was Menschen da finden - oder auch vermissen. Für die einen steht im Vordergrund, dass die Kinder unbeschwert aufwachsen, die Nachbarn sich kennen und der Himmel etwas weiter wirkt. Für andere ist Heimat der Ort, von dem sie aufbrechen mussten, um sich menschlich zu entwickeln, Träume zu verwirklichen. Einige kommen ohne reges Kulturleben, kleine Theater und schräge Kneipen nicht aus, brauchen Großstadtluft. Und manche merken nach Jahren, dass der Weg nach Hause eben doch keine Einbahnstraße ist.